Neue Wörter braucht das Land

 Degrowth. Postwachstum. Transformation. Nachhaltigkeit. Share & Collaborative Economy. Open Source. Coworking Spaces. Transition Towns. Commons-basierte Peer-to-Peer-Produktion. Was empfinden Sie, wenn Sie diese Wörter lesen? Selbst auf mich, die ich ein Fan der damit verbundenen sozialen Bewegungen bin, wirken die Begriffe wenigsagend, insiderhaft, ausschließend. Dass diese Bewegungen bislang nicht aus der Nische herausgewachsen sind, liegt auch an den hölzernen Begriffen. Nein, nicht, weil das englische oder denglische Wörter sind. Ein bisschen Englisch können wir ja alle, und treffende Lehnwörter bürgern sich schnell ein. Sondern, weil sie zu abstrakt sind. Sie sind kaum emotional besetzt und können deshalb keine positiven inneren Bilder erzeugen. Wenn Neulinge sie hören, verspüren sie wahrscheinlich keinerlei Resonanz, keinen Nachhall, kein Wärmegefühl.

 Sprache erzeugt Wirklichkeit. Begriffe prägen das Bewusstsein. Stimmige Wörter lassen ganz neue Welten in uns entstehen. Neue soziale Bewegungen können nur dann wirkmächtig werden, wenn die Menschen sich über Schlüsselwörter und gemeinsame Losungen miteinander verbinden, in einem gemeinsamen Wärmestrom, wie Ernst Bloch sagen würde. Also ist es strategisch entscheidend, Wörter zu erfinden oder neu zu besetzen. Politiker und Medienleute erwähnen alte Begriffe so lange in den gewünschten negativen oder positiven Kontexten, bis sie eine andere Färbung angenommen haben. Neger oder Asylant waren ursprünglich neutral, heute sind sie extrem abwertend. Bei Schwulen verlief der Prozess umgekehrt: Ursprünglich ein diskriminierender Begriff, ist er durch beständigen Bezug auf Menschenrechte und Selbstbestimmungsrechte heute geradezu wohlklingend geworden.

 Wir können als Menschen nur deshalb sprechen, weil unser Kehlkopf entsprechend gebaut ist und unsere Organe einen Resonanzkörper für die Stimme bilden. Sprache wird also sprichwörtlich von uns verkörpert. Deshalb sollten gute Begriffe einen geringen Abstraktionsgrad und einen hohen Verkörperungsgrad haben. Sprache muss atmen, muss sprichwörtlich stimmig sein, sollte Starres und Flüssiges zusammenbringen.

 Das war auch der Tenor in einem höchst lebendigen und kreativen Workshop, den wir auf der Degrowth-Konferenz in Leipzig zum Thema „Neue Wörter braucht das Land“ abgehalten haben. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Ein durchschlagendes Wort haben wir weder für Degrowth noch für Commons gefunden. Aber viele gute Ansätze und interessante Wortschöpfungen.

Im Englischen ist Degrowth ja durchaus stimmig, aber er lässt sich einfach nicht gut übersetzen. Postwachstum klingt viel zu sehr nach Brief- und Paketbergen im Postamt. Wachstumsrücknahme oder Schrumpfen empfinden zu viele Menschen als negativ, gar als Bedrohung. Die Comicfiguren der Schrümpfe, die die Oya-Redaktion nach Leipzig mitbrachte, sind witzig und sympathisch, doch dass weniger mehr sein kann, diese Erfahrung haben bisher zu wenige Menschen gemacht. Aber was dann? Mit die beste Übersetzung ist Entwachsen, denn darin steckt die positive Erfahrung, dass man als menschlich-biologischer Organismus irgendwann erwachsen und pubertärer Anwandlung entwachsen ist, zumindest mehr oder weniger.

Später las ich in einem Aufsatz von Josef Senft das schöne Wort Ausgewachsen. Ins Lateinische übersetzt könnte die Postwachstums-Epoche Adultum genannt werden. Senfts Begründung: „Von einem Erwachsenen (englisch: adult) erwartet man Zuwachs an Mündigkeit und Übernahme von Verantwortung für sich und andere.“ Dazu zitiert er Jakob von Uexküll, den Begründer des Weltzukunftrates und Alternativen Nobelpreises, der der Meinung ist, „dass die globale Konsumkultur einer gemeinschaftlichen Bürgerkultur weichen wird; nicht weil es jemand vorschreiben würde, sondern weil es dazu keine Alternative gibt außer Chaos, Kriege und den Zusammenbruch unserer Gesellschaften.“ Gefällt mir sehr! Und solange sich die Epoche des Adultum noch nicht verwirklicht hat, könnten wir Degrowth in Ausgewachsenheit oder ausgewachsene Wirtschaft übersetzen.

Commons ist ein weiteres sperriges Wort. Im Deutschen wird es mit Allmende oder Gemeingüter übersetzt, aber die Commons-Vordenkerin Silke Helfrich war damit nicht nur in unserer Leipziger Wörterbastelwerkstatt unzufrieden: Allmende erinnert zu sehr an die mittelalterliche Gemeindewiese, und das Wort Gut suggeriert ein statisches materielles Ding. Dabei gibt es doch unzählige immaterielle Commons, angefangen von der Sprache selbst über Landschaft und Luft, Wissen und Kultur bis zur freien Software von heute. Zudem ist das Allerwichtigste an den Commons das Commoning, die Verständigung unter allen Beteiligten, wie eine gemeinsame Ressource zu nutzen und gleichzeitig zu schützen sei. Hmh. Sind Gemeinwertwachstum, Gemeintum und Wir-schafft bessere Begriffe für die Commons? Und was könnte das passende Verb für Commoning sein? Gemeinschaffen? Klingt zu sehr nach gemein, fanden manche. Dann besser vergemeinschaffen oder vergemeinschaften. Oder gemeintun. Oder vergemeinen. Oder auch pflegnutzen. Begriffe, die etwas zum Klingen bringen, oder?

Wenn ein Wort sehr vielen gefällt, dann ist – um eine weitere wunderschöne Wortschöpfung aus Leipzig zu erwähnen – Gemeinstimmigkeit erreicht. Gemeinstimmig – man hört förmlich die Resonanz in vielen Körpern. Gemeinstimmig ist nicht einstimmig, aber mehr als vielstimmig. Es ist eine geheimnisvoll zustande kommende Übereinkunft vieler Stimmen, ohne dass eine förmliche Abstimmung stattgefunden hat oder stattfinden müsste.

Nachhaltigkeit hingegen ist ein echtes Problemwort. Konzerne und Lobbyisten haben es so nachhaltig grüngewaschen und totgetrocknet, dass es nach nichts mehr klingt. Zumal es im usprünglichen Sinne auch nicht mehr bedeutet als „andauernd“. Nicht zufällig definiert Monsanto auf seiner deutschen Website Nachhaltigkeit kühndreist um in „mehr produzieren“ und satte Profite machen. Man könnte noch hinzufügen: die Umwelt nachhaltig schäden.

Was also könnte das Wort ersetzen? Manche sagen dafür Enkeltauglichkeit, aber gerade mal zwei kommende Generationen einzubeziehen ist auch eher mickrig; indigene Völker wie die Kogi rechnen in Zeitspannen von mindestens zehn Generationen, wenn sie Zukunft planen. Andere ersetzen den Begriff augenzwinkernd durch Nochhältigkeit – noch hält unser Planet. Mir persönlich gefällt Nachhalligkeit sehr gut – hier ist wieder die Resonanz drin, der Nachhall. Nachwüchsigkeit, ein Wort, das mir neulich im Wald einfiel, ist vielleicht noch eindeutiger, nämlich bildhaft dafür, dass alles, was man verbraucht, wieder nachwachsen muss.

Manche möchten inzwischen ganz auf das Wort nachhaltig verzichten und finden regenerativ schöner und ausdruckskräftiger – so auch das Internationale Netzwerk der Ökodörfer (GEN). Wir hatten im Vorfeld von Leipzig darüber eine längere Diskussion. Die Natur bewirkt ja viel mehr als Regeneration, lautete ein Einwand, sie entfaltet sich in immer neuen Arten und immer größerer Komplexität, das ist keine einfache Reneration, sondern eine Entwicklungsspirale nach oben. Könnte man nicht Spiralität sagen? Erinnert zu sehr an Spiritualität, befanden andere. Oder an Spirelli-Nudeln. Wir wurden uns nicht recht einig.

Fortschritt und Entwicklung, da aber waren wir uns in Leipzig einig, sind ebenfalls Problemkandidaten. Erstens, weil Millionen von Menschen und nichtmenschliche Lebewesen im Namen des Fortschritts getötet worden sind und immer noch geopfert werden. Zweitens, weil es ein eurozentristischer Begriff ist, der eine lineare Entwicklung der Menschheitsgeschichte hin zum Besseren behauptet und angeblichen Entwicklungsländern die westliche monetarisierte Wirtschaft als einzig mögliche aufimperialisiert. Was könnte diese Begriffe ersetzen? In der indigenen Denktradition Lateinamerikas ist es das Gute Leben (Buen Vivir), uns gefiel aber auch Entfalterung, Wendelwandel und Wohlseinswachstum.

Und wie können wir die neu entstehende Ökonomie nennen, die nachhaltig ökosozial gewendet ist, nichtmonetäre Pflegearbeit einbezieht und auf Glücks- statt Wachstumsvermehrung setzt? Auch darüber haben wir in der Wortwerkstatt der Degrowth lange gegrübelt, haben Wörter auseinandergeschnippelt und neu zusammengeklebt. Hier einige Vorschläge aus Leipzig und anderswoher: notwendende Wirtschaft (weil sie Not wendet), Ecommony (so Friederike Habermann in Anlehnung an die Commons), Glücksökonomie, Bedarfsökonomie, Ökosozialwirtschaft, Balancewirtschaft, Genugwirtschaft, WELTwirtschaft, Erdwirtschaft, Lebenswirtschaft, Wir-Schaft, Oikonomie. Letztere in Anlehnung an das griechische Wort „oikos“ für Haus; Oikonomia meinte ursprünglich Hauswirtschaft oder Haushaltslenkung ohne jeden monetären Hintergrund.

Für diesen Prozess der Transformation oder Entgelderung sind natürlich auch Ziele notwendig. Oder notwendelig, um auf „Degrowthisch“ zu sprechen. Was gehört dazu? In Leipzig befanden wir: Das gute Leben natürlich, das gelinglichen sollte. Vielfalt und Füllfalt. Die Entfalterung unser aller Potenziale. Die Umdefinition von Wertigkeit in Werdigkeit. Die Anerkennung des menschlichen Giebtriebs, der nicht ausgegeizt werden dürfe.Und das Zusammenwachsen aller sozialer Bewegungen zur Allwende.

Welche Bewegungen sind das? Die Transition Towns könnten wir Wandelstädte oder Wendelgemeinden nennen. Die Bewegungen, die Soft- und Hardware Open Source ins Internet stellen, schaffen Offene Quellen – man hört es doch gleich erfrischend plätschern und sprudeln. Die Share & Collaborative Economy hingegen ist nicht so einfach zu übersetzen, weil das deutsche Wort „teilen“ auch „zerteilen“ und „trennen“ beinhaltet und „Kollaboration“ den historischen Beigeschmack der Zusammenarbeit mit den Nazis beinhaltet. Ökonomie des Teilens und Zusammenarbeitens? Hm, ziemlich sperrig.Ich plädiere hier für einen abkürzenden Begriff, etwa Ko-Ökonomie, in Anlehnung an die Ko-Evolution in neueren Evolutionstheorien oder die Ko-Kreation in Partizipationsmodellen.

Was haben wir noch? Coworking Spaces könnten Zusammenarbeitsplätze genannt werden. Die Ko-Ökonomie von Peer to Peer (abgekürzt: P2P) ist eine unter Gleichen (abgekürzt: =) oder auch eine Zell=kultur. Und die Commons-basierte Peer-to-Peer-Produktion, die der Commons-Vordenker Michel Bauwens statt des Kapitalismus am Ende des Weges leuchten sieht? Warum kann sie nicht Commonie heißen, wie es Johannes Heimrath schon länger vorschlägt? Oder, wie ich es auch schon gelesen habe, Peercommony? Oder Co-Commonisierung?

Wie dem auch sei – was gefällt euch Lesenden denn am besten? Was erzeugt in euch Resonanz, gute Klänge und schöne Bilder? Um Antwort wird gebeten…

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