Sarrazynische Lizenz zum Hassen

Seit Wochen hat die Nation nix Besseres zu tun, als über Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ zu debattieren. Angeblich deshalb, weil es hierzulande so viele integrationsunwillige Moslems gibt.

Eine kleine Minderheit von Islamisten schottet sich tatsächlich ab. Aber das erklärt in keiner Weise die ungeheure Resonanz auf das Buch. Ich halte die massenhafte Zustimmung zu den sarrazynischen Tiraden vielmehr für eine traurige Bestätigung der Grundthese in meinem Buch „Heldendämmerung“, dass die Angst vieler Männer vor Statusverlust schnell in Hass, Aggression und Gewalt umschlagen kann. Ihre Statuspanik entsteht durch den Bildungsaufstieg der Frauen und – im Falle von Deutschland – auch durch die einer entstehenden migrantischen Mittelschicht.

Der Salonrassist Sarrazin ist auch ein Salonsexist, denn er ergeht sich in einer klassischen Männerfantasie: Er will die Geburtenzahlen von Frauen steuern. Die der deutschen Elite sollen hoch- und die der ausländischen, vor allem der muslimischen Unterschicht, sollen runtergehen. Noch präziser: Er will so viele Frauenkörper wie möglich kontrollieren. Frauen sollen seine Vorstellungen, wie die Welt zu sein hat, zu Diensten sein. Das ist eine sexistische und egomanische Wahnvorstellung, die schon viele Populisten, Rassisten und Fundamentalisten dieser Welt befallen hat.

Und dafür bekommt Sarrazin rauschenden Applaus von all jenen Männern, die sich durch Wirtschaftskrise und weibliche Konkurrenz in ihrer Identität zutiefst bedroht fühlen. Die, weil sie sich stets nach oben orientieren, nach unten hassen. Dass ein „Elite“-Mann wie Sarrazin gegen Moslems zu Felde zieht, gibt ihnen die Lizenz zum Loslassen ihrer niedrigsten Instinkte: Wenn der das darf, dann dürfen wir auch!

Seit Wochen quellen die Bloggs des Internet über von massivsten Pöbeleien und Gewaltfantasien. Die Webmaster kommen kaum mehr nach, die schlimmsten Kommentare zu löschen. Mir kann niemand erzählen, dieser Hass erkläre sich dadurch, dass bestimmte moslemische Jugendliche die Schule nicht schaffen.

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